Schlaraffia Gestern, Heute, Morgen

Prinzipien, Struktur, und Regeln

In dieser Reflexion soll der internationale Verein Schlaraffia beschrieben, seine Struktur dargestellt, und die Grundprinzipien definiert werden. 

Beschreibung:

Schlaraffia ist ein Verein, bei dem sich die Mitglieder in Vereinslokalen wöchentlich während des Winterhalbjahres treffen, um sich zusammen mit den anderen Mitgliedern künstlerisch im Rahmen  eines Spiels mit losen Spielregeln zu betätigen. Die Spielregeln sehen vor, dass die Mitglieder die Rolle von mittelalterlichen Rittern einnehmen und deren Verhalten imitieren. Dazu gehört, unter anderem, dass man eine stilisierte Rüstung anlegt, das Vereinslokal ebenso ausschmückt, und die Mitglieder auf schauspielerischer Art sich wie Rittersleute benehmen. Die Mitglieder kommunizieren in der damaligen Zeit entsprechenden Form und für manche Begriffe verwenden sie ein eigenes Vokabular. Im Allgemeinen haben die Vereinsabende ein vorgegebenes Thema, zu dem die Anwesenden eigene künstlerische Beiträge bringen, die meist in Form von Lyrik oder Poesie dargebracht werden. Gleichwertig werden musikalische Darbietungen gebracht. Etwas Besonderes ist auch das „Duell“ und „Turney“ bei dem die verschiedenen Parteien mit Beiträgen wettstreiten. Hervorzuheben sei auch, dass der Verein eine Sammlung von Liedern hat, die von Mitgliedern, dabei auch international bekannte Komponisten, für den Verein komponiert wurden. Das Singen dieser Lieder ist Teil des Spieles. 

 

Leitspruch:

Der Leitspruch des Vereins ist „Kunst, Freundschaft und Humor“. Diese drei Begriffe sind die Essenz des Vereins, repräsentieren die ideellen Säulen, und daraus lässt sich seine Wertstruktur erklären. Die Vereinsaktivitäten sind ein Spiel unter Verwendung künstlerischer Ausdrucksformen mit dem Leitspruch: „in arte voluptas“ oder „in der Kunst liegt die Lust / das Vergnügen“.

 

Grundprinzipien: 

Das Selbstverständnis, das die Gründer Schlaraffia vom Menschen in der Gesellschaft hatten, war das wie es sich aus der Zeit der Aufklärung heraus entwickelt hatte. Der Mensch ist der Mittelpunkt seines Handelns. Das kann er tun aufgrund der Vernunft, die jeder Mensch besitzt und durch die Erziehung, die jedem Menschen zusteht, gebildet wird. Letztlich sind die Künste ein Medium welches Lernen bei den Menschen erwirkt. Diese Sicht eines eigenverantwortlichen Menschen unabhängig sozialer Umstände ist auch das vorherrschende Menschenbild in unserer heutigen modernen Zeit und auch bei den Schlaraffen heute. Das war es nicht bei der herrschenden Klasse jener Zeit. Für die „freidenkenden“ Künstler und Gründer aber war dies das Bild wie sie sich die Mitglieder der Schlaraffia vorstellten.

 

Freundschaft ist das Zentralthema bei den Schlaraffen. Man möchte den friedlichen und respektvollen Umgang mit Menschen fördern und Vertrauen unter den Mitgliedern aufbauen. Da es keine Altersgrenze bei der Schlaraffia gibt, führt es dazu, dass Freundschaften zwischen verschiedenen Generationen hergestellt werden. Historisch betrachtet sollte der Wertanspruch Freundschaft den Unterschied zwischen den Ständen zur Gründungszeit der Schlaraffia aufheben. Das Prinzip der Freundschaft verlangt auch Solidarität  zwischen den Mitgliedern. Bei Krankheit, Alter oder anderen Problemen unterstützen sich die Freunde gegenseitig. Gleichheit gilt für alle Vereinsmitglieder.  Ebenso fällt unter diese Säule das Prinzip der Toleranz. Jedes Mitglied wird ohne Unterschied akzeptiert (Akzeptanz) und jeder Beitrag eines einzelnen „Ritters“ wird geschätzt und mit Beifall belohnt. Es gibt keine Kritik an den Beiträgen, es wird die eigene Initiative (Mitmachen) belohnt. Gewinnen kann man nur bei den erwähnten Duellen oder Turnieren und Gewinner werden durch stille Abstimmung ermittelt. Alle Entscheidungen bei den lokalen Organisationen und im Spiel werden in Übereinstimmung auf demokratische Weise von allen Mitgliedern getroffen. Bei den künstlerischen Darbietungen gibt es keine Präferenz oder Ausschluss einer Kunstrichtung aus einem spezifischen Kulturbereich. Es gibt auch keine definierten „Minimum Standards“. Kunst repräsentiert daher auch das Prinzip der Weltoffenheit. Alle, die die Spielregeln akzeptieren und die Rolle eines Ritters annehmen, können Mitglied des Vereins werden. Es gibt an die 260 verschiedene  Vereinslokale auf den fünf Kontinenten. Da die Vereinssprache Deutsch ist gibt es eine größere Mitgliederzahl in den deutschsprachigen Ländern Europas. Religion, Politik (politische Anschauung), und Status im Berufsleben sind keine Aufnahmekriterien und keine Themen im Verein, und werden in den Vereinsversammlungen nicht behandelt. Beiträge sollen nicht nur informativ oder lehrreich, sondern unterhaltsam und humorvoll sein. Humor heißt da auch über sich selbst lachen können. Jeder Vortragende fühlt sich ausgezeichnet, wenn das Auditorium zu den Beiträgen lacht. Spontanität mit Einwänden oder ad hoc Beiträgen, wenn sie gelungen sind werden besonders ausgezeichnet. Humor steht auch dafür sich von Stresssituationen zu distanzieren und sich zu entspannen. Der Verein ist also eine Art psychischer Entspannungsclub. Kein Mensch fühlt sich zur Kunst hingezogen und kann Humor genießen, wenn er nicht frei ist. Weswegen die Freiheit des Menschen zu der Wertstruktur der Schlaraffia gehört. 

 

Ziel des Vereins:

Einziges Ziel des Vereins ist die gehobene Unterhaltung durch die Vorführung von künstlerischen Beiträgen und Abhaltung pointierter Diskussionen. Es gibt keine Definition von „künstlerisch“ und daher findet man unterschiedliche Niveaus vor. Der Schwerpunkt dabei liegt auf eigener Initiative und aktiver Beteiligung (Kreativität). Höher qualitative Beiträge führen zu keiner Beförderung oder Einnahme einer gehobenen Position innerhalb des Vereins. Die Spielregeln sehen verschiedene Rollen mit einer losen Rollenbeschreibung vor. Alle diese Rollen werden demokratisch durch jährliche Wahlen vergeben. Mitglieder haben Freude am Spiel, es ist eine Unterhaltung für gebildete Menschen. 

 

Organisationsstruktur:

Grundorganisation ist der lokale Verein mit den in den Spielregeln vorgesehenen Positionen, die in allen 260 lokalen Clubs repliziert werden. Es gibt kein übergeordnetes Entscheidungsgremium. Alle Entscheidungen werden auf Clubebene getroffen. Die Spielregeln und mögliche Aktualisierung werden in einer Generalversammlung einmal alle fünf Jahre durch einen Delegierten jedes lokalen Vereines erstellt oder aktualisiert. Schlaraffia ist in diesem Sinn eine vollkommen dezentralisierte Organisation mit keiner übergeordneten Machtstruktur.  Bei Konflikten zwischen einzelnen Mitgliedern oder Mitgliedern zwischen zwei lokalen Vereinen kann ein Schiedsgericht gewählter Vertreter für den Gesamtverein angerufen werden. Dieses Schiedsgericht versucht den Streit durch Aussprachen zu schlichten und unter Umständen bei Schaden des Gesamtvereines den Ausschluss zu empfehlen. Auf regionaler Ebene gibt es eine Koordinierungsinstanz (Landesorganisation), deren Aufgabe es ist die Basisvereine bei der Erreichung des Vereinsziel zu unterstützen. Diese Koordinierungsinstanz (5 weltweit) verfügen über ein Budget, das von einem Teil des individuellen Mitgliedsbeitrags kommt. Letztlich gibt es eine Supraorganisation, die sich aus drei Entsandten jeder regionalen Organisation zusammensetzt. Hauptaufgabe ist die Aufnahme neuer Vereinslokale in das Register des Gesamtvereins und die Vermittlung der Grundprinzipien und Spielregeln, und Bemühung die Standards zu halten. Sie hat keine unmittelbare Entscheidungsgewalt auf die lokalen Vereine.  Sie ist ein eigener Verein und die Mitglieder sind die 5 regionalen Koordinierungsinstanzen.

 

Spielregeln:

Zu jedem Vereinsabend versetzen sich die Mitglieder in die Rolle mittelalterlicher Ritter. Die Versammlung, die von einem Mitglied geleitet wird, folgt einem vorgegebenen Ablauf.  Das ritterliche Rollenspiel und das entsprechende Handeln / Getue soll auf kritische Weise eingefahrene Alltagssituationen kontrastieren, z.B. Vorträge werden mit Phantasieabzeichen belohnt, die einen militärischen Auszeichnugsüberschwall kontrastieren soll. Phantasietitel, die mit Urkunden verliehen werden, mokieren die akademischen und Verwaltungstiteln. Jedes Mitglied soll sich aktiv beteiligen und  verpflichtet sich geduldig den Vorträgen zuzuhören. Die Ritter Rolle ladet auch ein zu einem Wettstreit der künstlerischen Darstellung. Dies kommt verstärkt im „Duell“ zum Ausdruck. Es ist ein Duell der Worte und des künstlerischen Ausdrucks. Es ist auch eine Persiflage auf die schlagenden Burschenschaften, so wie sie sich aus dem 19.Jahrhundert herauf entwickelt hatten. Etwas sehr Bedeutendes bei diesen Duellen ist aber zum Schluss eine sehr genau definierte Form der Versöhnung der „Kontrahenten“. Symbolisch sagt dies, dass wir Konflikte friedlich lösen und das Ergebnis nie ein Verlieren für einen der beiden Duellanten darstellt, denn er (wieder)gewinnt einen Freund ( Versöhnung bei Differenzen). Jedes Mitglied hat dieselben Rechte und Pflichten in jedem der 260 Basisvereine und im Besonderen auf Geschäftsreisen oder auf Tourismusreisen besuchen die Mitglieder andere lokale Gruppen und finden überall herzlichste Aufnahme und beteiligen sich am Spiel. 

 

Kritische Instrumente:

Ein wichtiges kritisches Instrument ist in der Schlaraffia die Persiflage. Stereotypen und engstirniges individuelles Verhalten im Alltag werden in einer nicht verletzenden Art und Weise überzeichnet kontrastiert und dadurch kritisiert. Die Parodie verstärkt kritische Elemente, da sie das Auditorium zum Lachen bringen soll. Ein weiteres Instrument ist der „goldene Ball“. D.h. wie bei einem Schneeballprinzip wird das Wort von einem Mitglied zum anderen vergeben, um die Diskussion aufrecht zu erhalten. Zu den Beiträgen wird keine negative Kritik geübt, aber groteske Bezugnahmen sind erlaubt und erwünscht. 

 

Geschichtlich und gesellschaftspolitischer Hintergrund:

Schlaraffia wurde 1859 von Künstlern in Prag gegründet. Die Wahl des mittelalterlichen Ritter- Rollenspiels hatte eine zweifache Bedeutung. 1) Das gesellschafts-politische System war der monarchische Absolutismus. Polizei- und Spitzelwesen sollten jegliche Kritik an der Österreich Ungarischen Monarchie unterdrücken. Kritik an der gesellschaftlichen Ungleichheit wurde zensuriert und wurde daher in verschlüsselter Form gebracht. Das mittelalterliche Rittertum war zeitlich genügend weit zurück, um keinen Verdacht zu  erwecken, eine politische oder subversive Organisation zu sein. Von allem Anfang an wollte man keine Organisation mit politischen oder gesellschaftskritischen Ansprüchen schaffen. Einzelne der Gründer wurden als Künstler in den vorherrschenden bürgerlichen Vereinigungen auf Grund ihres Standes nicht akzeptiert. Das war einer der Beweggründe einen eigenen Verein zu gründen, der sich allein humanistischen Idealen verpflichtet fühlte. Bildung und Herzensbildung verbindet über gesellschaftliche Grenzen. Der Mensch, der Werte schafft und weitergibt ist entscheidend unabhängig vom Stand, Beruf oder Religion. Sehr kritisch zu der vorherrschenden sozialen Differenzierung in Klassen / Stände nannte sich der Verein zu Beginn „Proletarierclub“. Erst später benannten die Gründer den Verein Schlaraffia. 2) Auch wenn die Gründungsmitglieder keinen Anspruch erhoben eine Vereinigung mit politisch gesellschaftlichen Ansprüchen zu schaffen, hatten sie genaue Vorstellung über die Einstellung der individuellen Mitglieder. Die Tugenden, die die Gründer in der Zeit der Romantik bei den mittelalterlichen Rittern gesehen haben, schienen ihnen als ein erstrebenswertes Ziel für ihre Mitglieder. Dazu hervorzuheben sei: Treue - zum Lehensherrn  / Gott; Beständigkeit - Gutes tun, Charakter haben; Selbstzucht und Maßvolles Handeln - keine Sucht und Streben nach Macht; Vorbild sein in der Gesellschaft - keine Standesunterschiede fördern, und Erfüllen gesellschaftlich, sozialer Verpflichtungen; Respekt - allen Menschen gegenüber, im speziellen aber den Frauen ( jedoch erhob man zu dieser Zeit keinen Anspruch die Rolle der Frau in der Gesellschaft ändern zu wollen). Es ist uns klar, dass diese hervorgehobenen Tugenden auf den Kardinaltugenden der Antike beruhen: Gerechtigkeit (Gleichheit), Mäßigung (Güte), Tapferkeit (Zivilcourage) und Weisheit (Klugheit).

 

Institutionelle Schwierigkeiten im Rückblick seit der Entstehung:

Die ritterliche Tugend des Respekts gegenüber allen Menschen führte auch später zu Ende der Weimar Republik zu schwerwiegenden internen Problemen, als der von Deutschland institutionalisierte Rassismus die Landesorganisation Deutschland und Österreich in eine innere Spaltung führte. Einzelne lokale Clubs nahmen die herrschende Ansicht über die Herrenrasse an und schlossen Juden aus dem lokalen Club aus, während andere ihr Prinzip des Respektes und Gleichheit aller Menschen weiterhin vertraten und in den Widerstand gegen das System traten. Sie hatten die Zivilcourage ihren Prinzipien treu zu bleiben. Letztlich wurde 1938 Schlaraffia im Deutschen Reich verboten. Während der Zeit des Nationalsozialismus war die tragende Kraft des Gesamtvereins die Nordamerikanische Landesorganisation. Nach dem zweiten Weltkrieg begann eine Wiederbelebung der Basisorganisationen. Nur in den Gebieten des Ostblocks war die vereinsmäßige Betätigung weiterhin bis zum Fall des Kommunismus verboten. Während unter dem Nationalsozialismus ein Verdacht entstanden sein mag, dass Schlaraffia ein verlängerter Arm des Weltkommunismus sei, war es im kommunistischen Osten der Verdacht Schlaraffia verbreite kapitalistisches Gedankengut. Beide Annahmen entsprechen nicht der Realität. Es ist eher die Angst und Unverständnis der öffentlichen Verwaltung, dass relevante Organisationen für sich selbst keinen Machtanspruch erheben. Es ist für öffentliche Autoritäten unverständlich, dass Menschen sich in Vereinen zusammenschließen deren Ziel es nicht ist, mächtig und einflussreich zu sein, sondern sich niveauvoll zu unterhalten ohne einen Anspruch zu erheben „die Welt verändern“ zu wollen. Der Verein hat nach dem zweiten Weltkrieg keine interne Reflexion auf Niveau des Gesamtvereines über die Fehlentwicklungen angestellt.  Nur in jüngerer Geschichtsforschung des Vereines werden lokale Vereine, die das Prinzip der Weltoffenheit und Gleichheit aller Mitglieder auch gegen die vorherrschende Gesellschaftspolitik aufrechterhielten, als vorbildlich genannt.

 

Zeitlosigkeit des Verein Schlaraffia

Der Verein hat keinen Gemein-Zweck und dient nur dem Eigennutzen. Er fördert den Intellekt und spricht Gefühle an ( sich gut zu fühlen, fröhlich zu sein). Der Verein ist daher zeitlos. Er fördert das gesellige Zusammensein und das friedliche Auskommen. Er schließt gesellschaftliche Einrichtungen wie Kirche, Politik, Arbeitswelt bewusst als Gesprächsstoff aus. Er schafft dadurch einen stressfreien Raum zum Wohlfühlen und ist daher auch eine Quelle für psychische Kraft. Der Umgang mit der freien Rede, die Selbstdarstellung in einem multikulturellen Umfeld führt auch zur Stärkung des eigenen Selbstvertrauens und kann im öffentlichen und Berufsleben Vorteile bringen. Im Sinne des Humanismus wird die bestmögliche Persönlichkeitsentfaltung unterstützt. So wie zu Beginn ist auch heute noch die Freude am kunstvollen Spiel die treibende Kraft des Vereins. 

Leitbild:

Leitbild ist die mittelalterliche Geschichte von König Artus und die Ritter von der Tafelrunde. An dieser „Tafelrunde“ findet das Spiel statt. Die Tafelrunde steht für Gleichheit. An einem runden Tisch gibt es keine bevorzugte Position. 

 

Zusammenfassung:

Schlaraffia ist weder eine politische Organisation noch eine Art Sportverein. Der Verein ist ziemlich einzigartig indem er auf fundamentale Bedürfnisse der gebildeten Menschen, die Epochen unabhängig sind, aufgebaut ist: Es sind dies das Wohlempfinden und die Freude am Spiel/Leben. Ludem ludice!

  • facebook
  • Twitter Round
  • googleplus
  • flickr
This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now