Schlaraffia Gestern, Heute, Morgen

SCHLARAFFIA GESTERN, HEUTE, MORGEN

Prinzipien, Struktur, und Regeln 

 

In dieser Reflexion soll der internationale Verein Schlaraffia beschrieben, seine Struktur dargestellt, und die Grundprinzipien definiert werden. 

 

 

Beschreibung:

 

Schlaraffia ist ein Verein / Vereinigung / Freundschaftsbund bei dem sich die Mitglieder in Vereinslokalen (Burgen) wöchentlich während des Winterhalbjahres treffen, um sich zusammen mit den anderen Mitgliedern künstlerisch im Rahmen  eines Spiels mit vorgegebenen Spielregeln zu betätigen. Die Spielregeln sehen vor, dass die Mitglieder die Rolle von mittelalterlichen Rittern 

persiflieren und deren Verhalten imitieren. Dazu gehört, unter anderem, dass man eine stilisierte Rüstung anlegt, das Vereinslokal ebenso ausschmückt, und sich die Mitglieder auf schauspielerischer Art wie Rittersleute benehmen. Die Mitglieder kommunizieren in einer, der damaligen Zeit entsprechenden Form. Für manche Begriffe verwenden sie ein eigenes Vokabular.

 

Es gibt an die 260 verschiedene Vereinslokale (Schlaraffenreyche) auf den fünf Kontinenten. Da die Vereinssprache Deutsch ist, gibt es eine größere Mitgliederzahl in den deutschsprachigen Ländern Europas. 

 

Alle, die gewisse Regeln akzeptieren und die Rolle eines „Ritters“ anzunehmen bereit sind, können Mitglied des Vereins werden. Dabei spielen Politik (politische Anschauung), Religion und Status im Berufsleben bei der Aufnahme keine Rolle und sind bei den Vereinstreffen und im Verein als Themen verpönt.

 

Eingeladene und interessierte Gäste werden Pilger genannt, die bei Interesse als Knappen in den Bund aufgenommen werden. Im Laufe der Zeit können sie den Stand der Junker erreichen und werden später in einer feierlichen Zeremonie zum Ritter geschlagen.

 

Die Mitglieder, die sich im „Vereinslokal“ versammeln, werden Sassen genannt. Sie versammeln sich zu einer Sippung (das sind die Vereinsabende), die von einem fungierenden Oberschlaraffen geleitet wird, dem in der Regel zwei weitere beisitzen, sowie ein Kanzler und ein Marschall. Knappen und Junker werden vom Junkermeister betreut und in die Regeln des Schlaraffentums eingeführt. Im Verlauf einer Sippung nehmen der Hofnarr und andere Amtsträger eine wichtige Funktion ein.

 

Im Allgemeinen haben die  Vereinsabende ein vorgegebenes Thema, zu dem die Anwesenden eigene (künstlerische) Beiträge bringen, die meist in Form von Lyrik  oder Poesie dargebracht werden. Diese Beiträge können informativ oder lehrreich, aber gerne auch unterhaltsam und humorvoll sein.  Es wird außerdem erwartet, dass sich die Sassenschaft mit spontanen spitzfindigen Einwürfen am gemeinsamen Spiel beteiligt. Gleichwertig werden musikalische Darbietungen gebracht. Hervorzuheben sei auch, dass der Verein eine Sammlung von Liedern hat, die von Mitgliedern, darunter auch international bekannte Komponisten, für den Verein komponiert wurden. Das Singen dieser Lieder ist Teil des Spieles. Etwas Besonderes sind „Duell“ und „Turney“, bei denen verschiedene Parteien mit Beiträgen wettstreiten.

 

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Leitspruch:                                                                                                                            

 

Der Leitspruch des Vereins / der Schlaraffen lautet Kunst, Freundschaft und Humor“. 

Diese drei Begriffe sind anzustrebende Ideale. Sie repräsentieren die ideellen Säulen aus denen sich die Wertestruktur des Vereins ableiten lässt. Die Vereinsaktivitäten sind ein Spiel unter Verwendung künstlerischer Ausdrucksformen mit dem Leitspruch / Wahlspruch „in arte voluptas“ oder „in der Kunst liegt die Lust / das Vergnügen“.

 

 

Grundprinzipien: 

 

Das Selbstverständnis, das die Gründer Schlaraffias vom Menschen in der Gesellschaft hatten, ist möglicherweise aus den Gedanken der Aufklärung zu verstehen. Der Mensch ist der Mittelpunkt seines Handelns. Hierbei sind Vernunft / die geistige Fähigkeit, Erkenntnisse zu gewinnen und danach zu handeln, sowie Lernprozesse und Erziehung von entscheidender Bedeutung.  

 

Nachdem die Künstler und Gründer Schlaraffias zunächst nur ein geselliges Beisammensein anstrebten, entwickelte sich in Folge das bis heute in dieser Gemeinschaft gültige Menschenbild / die Vorstellung eines freidenkenden, eigenverantwortlichen, weltoffenen Menschen, unabhängig von den herrschenden gesellschaftspolitischen und sozialen Umständen.

 

 

Die drei Säulen Schlaraffias

 

Freundschaft ist die wichtigste Säule des Schlaraffentums und somit das zentrale Thema bei den Schlaraffen. Es ist das Ziel, den friedlichen und respektvollen Umgang mit Menschen zu fördern und Vertrauen unter den Mitgliedern aufzubauen. Da es keine Altersgrenze bei der Schlaraffia gibt, können Freundschaften zwischen verschiedenen Generationen hergestellt werden. Da die Gründerväter in Prag aus einem Bund von Tschechen und Deutschen bestanden, kann historisch betrachtet der Werteanspruch „Freundschaft“ als ein Weg betrachtet werden, die ethnischen und gesellschaftspolitischen Unterschiede zwischen den Mitgliedern aufzuheben.

 

Das Prinzip der Freundschaft verlangt Solidarität  zwischen den Mitgliedern. Bei Krankheit, Alter oder anderen Problemen unterstützen sich die Freunde gegenseitig. Für alle gelten Gleichheit und Toleranz. Jedes Mitglied wird ohne Unterschied akzeptiert (Akzeptanz). Im Rahmen des Sippungsgeschehens werden die Beiträge der Knappen, Junker und Ritter geschätzt und mit Beifall belohnt. Die Initiative eines Jeden wird freudig anerkannt. Kritik findet nur da statt, wo negative Ausführungen vorgebracht werden.

 

 

Kunst ist die zweite Säule des Schlaraffentums. Die Auseinandersetzung mit der Kunst  repräsentiert das Prinzip der Weltoffenheit und stellt ein Medium dar, welches den „Horizont“ eines jeden Menschen erweitert und für jeden einen Zugewinn bewirkt. Naturgemäß gibt es Beiträge unterschiedlicher Qualität.  Es gibt keine Definition von „künstlerisch“ und auch keine definierten Mindeststandards. Ebenso gibt es bei den künstlerischen Darbietungen, die dem Auditorium in allen Ausdrucksformen dargeboten wird, keine Präferenz oder Ausschluss einer Kunstrichtung aus einem spezifischen Kulturbereich. Auch Dilettanten sind herzlich willkommen.

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Humor ist die dritte Säule und das Lebenselixier der Schlaraffen.                          

Humor bedeutet Entspannung und Befreiung von Stresssituationen und den alltäglichen Gegebenheiten und bedeutet auch, sich nicht allzu ernst zu nehmen und  über sich selbst lachen zu können. Jeder Vortragende fühlt sich ausgezeichnet, wenn das Auditorium zu den Beiträgen lacht und seinen Beifall ausdrückt. Spontaneität mit Einwänden oder ad hoc Beiträgen, wenn sie gelungen sind, werden besonders ausgezeichnet. Daher sollen Beiträge nicht nur informativ und lehrreich, sondern auch unterhaltsam und humorvoll sein. Die Neigung zur Kunst und ein Humor, der von Herzen kommt, repräsentieren u.a. die Freiheit des Menschen und damit die  Wertestruktur des Freundschaftsbundes.

 

 

Ziel des Vereins: 

 

Ziel des Vereins ist die Freude am gemeinschaftlichen Spiel, bei dem durch die Vorführung von künstlerischen Beiträgen und Abhaltung pointierter Diskussionen eine gehobene, aber unernsthafte Unterhaltung unter gebildeten Menschen angestrebt wird. Der Schwerpunkt dabei liegt auf eigener Initiative und aktiver Beteiligung (Kreativität) der Sassenschaft, wobei die Spielregeln die Verteilung verschiedener Funktionen und Ämter vorsehen. Alle diese Rollen werden demokratisch durch jährliche Wahlen vergeben. Wichtige Entscheidungen werden in Vereinsversammlungen auf demokratische Weise behandelt.

 

 

Organisationsstruktur: 

 

Grundorganisation ist der lokale Verein / das lokale Reych mit den in den Spielregeln vorgesehenen Positionen, die in allen 260 lokalen Reychen repliziert werden. Es gibt kein übergeordnetes Entscheidungsgremium. Alle Entscheidungen werden in demokratischer Weise auf Vereinsebene getroffen. Auf Landesebene gibt es eine Landesorganisation, deren Aufgabe es ist, die Basisvereine bei der Erreichung des Vereinsziels zu unterstützen. Individuelle Mitgliedsbeiträge ermöglichen ein Budget für organisatorische Aufgaben. Zusätzlich bilden drei gewählte Mitglieder jedes Landes eine übergeordnete Supervision, deren Hauptaufgabe die Aufnahme neuer Vereine in das Register des Gesamtvereins ist, sowie die Vermittlung und Überwachung der Regeln und Grundprinzipien Schlaraffias. Die Vereinsregeln, die in „Spiegel und Ceremoniale“ niedergelegt sind, werden alle fünf Jahre in einer Generalversammlung (Allschlaraffisches Concil) durch die Delegierten eines jedes lokalen Vereines erstellt oder aktualisiert. Zusätzlich finden sich auf regionaler Ebene/Landesebene sogenannte Schlaraffentage statt. Bei Konflikten zwischen einzelnen Mitgliedern oder Mitgliedern zwischen zwei lokalen Vereinen kann ein Schiedsgerichtangerufen werden. Dieses Schiedsgericht versucht den Streit durch Aussprachen zu schlichten.

                                                                                                            

                                                                                                                                    

Spielregeln:                                                                                                                           

 

Zu jedem Vereinsabend/Sippungsabend versetzen sich die Mitglieder in die Rolle mittelalterlicher Ritter. Vor dem Betreten des Vereinslokals (Burg) streifen sie die Profanei (Alltag) ab, legen ihre Rüstung an und grüßen den Uhu, der sich in jeder Burg befindet und als höchstes Wesen in der Schlaraffenwelt Weisheit, Humor und Tugend symbolisiert. Die Versammlung (Sippung) die von einem Mitglied geleitet wird, folgt einem vorgegebenen Ablauf.  Obwohl alle Mitglieder gleich sind, gibt es während der Sippung die wichtige, erst das Spiel ermöglichende Hierarchie der Würdenträger und Ämter, des Hofnarren sowie der Knappen, Junker und Ritter. Rollenspiel und entsprechendes Handeln sollen auf humorvolle, persiflierende Weise eingefahrenen Alltagssituationen konterkarieren.

Vorträge z.B. werden mit Phantasieabzeichen, kleinen Zeichen der Anerkennung belohnt, die jedem Reych eigen sind. Phantasietitel, die mit Urkunden verliehen werden, mokieren akademische und Verwaltungstitel. Jedes Mitglied soll sich am Sippungsgeschehen aktiv beteiligen und  verpflichtet sich, geduldig den Vorträgen zuzuhören. Die Ritterrolle lädt auch zu einem Wettstreit der künstlerischen Darbietung ein. Dies kommt verstärkt im sogenannten Duell zum Ausdruck. Es ist ein Duell der Worte und der künstlerischen Darbietung. Bedeutsam bei diesen Duellen ist die zum Schluss sehr genau definierte Form der Versöhnung zwischen den „Kontrahenten“. Symbolisch soll dies bedeuten, dass Konflikte friedlich gelöst werden. Es gibt keinen Verlierer, sondern man gewinnt einen Freund zurück. 

 

Jedes Mitglied in Schlaraffia hat dieselben Rechte und Pflichten in jedem der 260 Basisvereine, jedes Mitglied ist überall willkommen. So gehört es dazu, dass auch die Mitglieder anderer Gruppen (Reyche) bei den Vereinsabenden (Sippungen) zugegen sind. So trifft man zum Beispiel auf Geschäftsreisen oder auf Tourismusreisen andere lokale Gruppen  (Reyche) und findet überall herzlichste Aufnahme und beteiligt sich am Spiel. 

 

 

Kritische Instrumente:

 

Ein wichtiges Spiel-Instrument in Schlaraffia ist die Persiflage. Stereotypen und engstirniges individuelles Verhalten im Alltag  werden in einer provokanten, aber nicht verletzenden Art und Weise überzeichnend konterkariert (Drang nach Titeln/Adelsdünkel/Ordensverleihende Übertreibungen in der damaligen profanen Welt!!). Die Parodie verstärkt kritische Elemente, da sie das Auditorium zum Lachen bringen soll. Ein weiteres Spiel-belebendes Ereignis ist das „Fliegen des goldenen Balls“. Es ergibt sich idealerweise dann, wenn auf Beiträge mehrere spontane Wortbeiträge anderer Schlaraffen unmittelbar folgen. Zu den Beiträgen wird keine negative Kritik geübt, es sei denn, der Vortrag entspricht nicht den Anforderung der allgemeinen Spielregeln ( = Gesetze, die verbindlich für jeden Schlaraffen verfasst sind ). Bei kritischen „Auseinandersetzungen“ kann auch das Stilmittel Satire Verwendung finden: jedoch nicht in der Absicht zu verletzen, sondern nur als humorvolle Übertreibung. Die aktive Beteiligung am Vereinsabend ( = „Sippung“ ) hilft durch „Fechsungen“ ( = meist ein Wortvortrag ), die eigene Rhetorik (Sprechkunst) zu verbessern.Begleitet werden die Vereinsabende (Sippungen) durch eine Reihe von unterschiedlichen Verhaltensschemata, die einer mittelalterlichen Zeremonie nachempfunden sind, z.B. Begrüßung, Eröffnung des Abends, Ritterschlag, etc. 

 

                                                                                                                                

Geschichtlich und gesellschaftspolitischer Hintergrund:

 

1)

Schlaraffia wurde 1859 von Theaterschauspielern/Künstlern in Prag gegründet. Die Wahl des mittelalterlichen Ritter-Rollenspiels hatte wohl zu Beginn keine Bedeutung. Es ging den Gründern um ein von profanen Alltagsgeschehnissen befreites Zusammensein im Freundes- / Künstlerkreis. Erstrebt war geistreiches, auch mitunter kräftiges Männerwort, Dichtung, Gesang, Musik (und gemeinsames „Tafeln“). Von allem Anfang an wollte man keine Organisation mit politischen oder gesellschaftskritischen Ansprüchen schaffen, sondern neu beginnen mit einem „Proletarierklub“, der in einer Protesthaltung sich gründete, weil einem nicht sehr begüterten Theatermitglied die Aufnahme in die vornehme Arcadia-Gesellschaft  verweigert wurde: Bewegpunkt genug, um sich in einem bisher nicht existierenden Verein zu treffen, der sich humanistischen Idealen (Kunst/Freundschaft/Humor) verpflichtet fühlte. Bildung, auch die des Herzens, verbindet über gesellschaftliche Grenzen. Der Mensch, welcher Werte schafft und weitergibt, ist entscheidend unabhängig von Stand, Beruf oder Religion. Sehr kritisch zu der vorherrschenden Differenzierung in Klassen/Stände (siehe oben!), nannte sich der „Proletarierklub“ im weiteren Gründungsverlauf dann „Vereinigung Schlaraffia“.     

 

2)

Auch wenn die Gründungsmitglieder keinen Anspruch erhoben, einen Verein mit politisch-gesellschaftlichen Anliegen zu schaffen, hatten sie genaue Vorstellungen über die Eignung der Neu-Mitglieder. Tugenden und Gebräuche, welche die Gründer in Zeiten der Romantik bei den mittelalterlichen Rittern erkannt haben wollten, schienen ihnen ein erstrebenswertes Ziel für ihre Mitglieder. Dazu hervorzuheben sei: Treue – zum Lehnsherrn; Beständigkeit – Gutes tun, Charakter haben; Selbstzucht und maßvolles Handeln, keine Sucht und Streben nach Macht; Vorbild sein in der Gesellschaft –(Standes)-Unterschiede verwischen; Erfüllen gesellschaftlich-sozialer Verpflichtungen; Respekt – allen Menschen gegenüber, im speziellen aber den Frauen (jedoch erhob man zu dieser Zeit keinen Anspruch, die Rolle der Frau in der Gesellschaft ändern zu wollen). Es ist uns klar, dass diese hervorgehobenen Tugenden auf den Kardinaltugenden der Antike beruhen: Gerechtigkeit (Gleichheit), Mäßigung (Güte), Tapferkeit (Zivilcourage) und Weisheit (Klugheit). Man bemerke, dass das 19.Jahrhundert die Epoche der Erfindung und Gründung von Vereinen, also dem Zusammenschluss von Menschen unter einem Ziel war.  

 

 

Institutionelle Schwierigkeiten im Rückblick seit der Entstehung:

 

 

Die ritterliche Tugend des Respekts gegenüber allen Menschen, führte später, am Ende der „Weimarer Republik“, zu schwerwiegenden internen Problemen, als der von Nazi-Deutschland institutionalisierte Rassismus die schlaraffische Landesorganisation Deutschland und Österreich in eine innere Spaltung führte. Viele lokale Reyche nahmen die herrschende Ansicht über die Herrenrasse an, und schlossen in vorauseilendem Gehorsam, willfährig die Juden aus ihrem Verein aus, während andere wenige das Prinzip des Respektes und der Gleichheit aller Menschen weiterhin vertraten. Sie besaßen die Zivilcourage, ihren Prinzipien treu zu bleiben. Letztlich wurde 1938 Schlaraffia, zum Erstaunen der Anpasser und Opportunisten gezwungen, im Groß-Deutschen Reich „sich selbst aufzulösen“. Während der Zeit des Nationalsozialismus 

war die tragende Kraft des Gesamtvereins die nordamerikanische Organisation. Nach dem zweiten Weltkrieg begann eine Wiederbelebung der Basisorganisationen. Nur in den Gebieten des Ostblocks blieb die vereinsmäßige Betätigung weiterhin bis zum Fall des Kommunismus verboten, bestenfalls „private Treffen“ unter Beobachtung der offiziellen Stellen geduldet. Während unter dem Nationalsozialismus ein falscher Verdacht konstruiert wurde, Schlaraffia sei verlängerter Arm der „Freimaurer“ und anderer Geheimgesellschaften (im Nachhinein weiß man, dass alle Vereine abgeschafft wurden, welche sich nicht dem „Führerprinzip“ unterwarfen), war es im kommunistischem Osten unter anderem der Umstand, dass Schlaraffia sich nicht dem „Kulturbund der DDR“ eingliedern wollte. Es ist oft herrschendes Unverständnis der öffentlichen Verwaltung, dass gesellschaftlich orientierte Vereine für sich keinen „parteiüblichen“ Machtanspruch erheben. Ebenfalls für öffentliche Autoritäten unverständlich, dass Menschen sich in Vereinen zusammenschließen, ohne die Zielsetzung zu haben, mächtig und einflussreich zu sein, sondern sich niveauvoll unterhalten wollen, ohne dabei den Anspruch zu erheben, die Welt zu verbessern. Schlaraffia hat nach dem zweiten Weltkrieg nur zögerlich interne Reflexionen über die Fehlentwicklungen des Gesamtvereines Allschlaraffia) begonnen. In jüngerer Geschichtsforschung des Verbandes werden lokale Reyche, die das Prinzip der Weltoffenheit und Gleichheit aller Mitglieder gegen die vorherrschende Gesellschaftspolitik aufrechthielten, alsvorbildlich genannt.  Jede Zeitepoche der 160-jährigen Geschichte Schlaraffias, hat ihr ihren „Stempel aufgedrückt“. Das kann auch zur gegenwärtigen Gesundheitskrise (Covid19) erwartet werden. Alles Geschehen regt zu intensivem Nachdenken und Nachfragen an.

 

 

Die Vereinssprache

 

Die Vereinssprache ist Deutsch. Die Künstler und Gründer Schlaraffias, die aus Tschechen und Deutschen bestanden, benutzten die deutsche Sprache, die im gesamten 19. Jahrhundert in Prag in Gelehrten- und Künstlerkreisen selbstverständliches Verständigungsmittel und die Sprache der Bildungsschicht war, als Vereinssprache. Trotzdem wurde erst 1914, d.h. 60 Jahre später das Deutsche als einzige interne Sprache der Schlaraffen festgelegt. Als Resultat einer kontinuierlichen nationalen Strömung im Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts kam es zu Ausbreitung vieler Schlaraffenreyche in die Ostregionen der Österreich-Ungarischen Monarchie, wo heute keine lokalen Vereine mehr zu finden sind. Einige wenige Reyche entstanden im vorderen Orient und in Asien. Da sich der Bund im Laufe der Zeit immer mehr als Repräsentant des deutschen Kulturkreises etablierte, haben sich im beginnenden 20. Jahrhundert mehr und mehr Reiche in Deutschland, Österreich und der Schweiz etabliert.

 

Die Einführung des Deutschen als einzig erlaubte Sprache bei Schlaraffia ist ohne Zweifel ein bestimmender Faktor. Allerdings stellt sie in Ländern, die nicht Deutsch als Landesprache haben, eine große Herausforderung bei der Mitgliederwerbung dar, auch wenn manche in der „Fremdsprache Deutsch“ eine Erweiterung ihrer Bildung sehen.

 

Zeitlosigkeit des Vereins Schlaraffia         

 

Der Verein hat keinen Gemein-Zweck und dient nur dem Eigennutzen. Er fördert den Intellekt und spricht Gefühle an ( sich gut zu fühlen, fröhlich zu sein). Der Verein ist daher zeitlos. Er fördert das gesellige Zusammensein und das friedliche Auskommen. Er schließt gesellschaftliche Einrichtungen wie Religion, Politik, Arbeitswelt bewusst als Gesprächsstoff aus. Er schafft dadurch einen stressfreien Raum zum Wohlfühlen und ist daher auch eine Quelle für psychische Kraft. Der Umgang mit der freien Rede, die Selbstdarstellung in einem multikulturellen Umfeld führt auch zur Stärkung des eigenen Selbstvertrauens und kann im öffentlichen und Berufsleben Vorteile bringen. Im Sinne des Humanismus wird die bestmögliche Persönlichkeitsentfaltung unterstützt. So wie zu Beginn ist auch heute noch die Freude am kunstvollen Spiel die treibende Kraft des Vereins. 

 

 

Zusammenfassung:

 

Schlaraffia ist ein Freundschaftsbund und keine politische Organisation. Der Verein ist  einzigartig indem er auf fundamentale Bedürfnisse der gebildeten Menschen, die Epochen unabhängig sind, aufgebaut ist: Es sind dies das Wohlempfinden und die Freude am Spiel/Leben. Ludite  ludum ! spielt das Spiel/lasst das Spiel beginnen.

 

 

 

Diese Abhandlung entstand als Ergebnis langer nächtlicher Gespräche zwischen Favorito (197) und Wiesokrates (342), und erhielt wichtige Ergänzungen und Klarstellungen von Ach-was (84) und Salbatross (304).